Dr. Friedmann Eißler, Studienassistent an der Uni Tübingen, predigte bereits in Mundelsheim. Hier folgt die zweite Folge seines Vortrages über den islamischen Begriff des "Heiligen Krieges".

"Bete und kämpfe?!"

1.2 Der Koran – die Grundlage des Islam
Der Koran ist für die Muslime das unmittelbar von Allah seinem letzten und wichtigsten Propheten Muhammad geoffenbarte Wort, das, absolut wörtlich inspiriert, an alle Menschen ergeht. Schon zu Lebzeiten des Propheten wurden Aufzeichnungen gemacht, und nicht einmal eine Generation später war der Koran im  Großen und Ganzen so, wie wir ihn heute vor uns haben.
Das ist wichtig zu beachten: Die Bibel entstand in über 1000 Jahren und bezeugt Gottes Handeln mit vielen, auch unterschiedlichen Stimmen durch eine jahrhundertelange Geschichte. Der  Koran formte sich in gut 20 Jahren und bezeugt die Offenbarungen, die ein einziger Mensch empfing. Der Vorteil ist natürlich, das die Sprache einheitlich ist: das klassische, das schönste Arabisch, worauf die Araber sehr stolz sind.  Die  rasche Niederschrift hat aber nicht verhindert, dass der Koran an vielen Stellen sehr dunkel ist, dass es oft nur Halbsätze, ja Satzfetzen sind, die da an unser Ohr dringen. Oft ist es aus Muhammad nur so hervorgesprudelt, es kam abgehackt, in rhythmisch geformten Reimen heraus, was sich in seinem Inneren verdichtet hat. Es ist oft – zumal für uns Europäer – sehr schwer zugänglich, was der Text eigentlich meint, die Lektüre daher auf weite Strecken recht mühsam. Dies liegt auch daran, dass die Offenbarungen in den 114  Suren (Kapiteln) oft abrupt das Thema wechseln und so der Lebensbezug häufig unklar bleibt.
1.2.1 Koranische Aussagen, die zum Frieden auffordern
Wir haben schon Stellen genannt, die den Kampf, auch den bewaffneten, gegen  Nichtmuslime erlauben bzw. gebieten.
Wir wollen aber zunächst  über die heute am häufigsten zitierten Stellen sprechen, die von der  Toleranz und der Friedfertigkeit des Islam handeln:
a) Der Islam als tolerante Religion. Su 2,256 „Es gibt keinen Zwang zum Glauben.“ – Das klingt gut in unseren Ohren, wird deshalb auch gerne angeführt, mit Vorliebe auch von Christen. Man muss allerdings weiterlesen: „Der richtige Weg ist  nun  klar erkennbar geworden gegenüber dem unrichtigen.“ Muslime erwarten, dass Nichtmuslime durch das Studium des Islam und durch das Nachdenken über seine Lehre von seiner Richtigkeit überzeugt werden. Niemand solle durch Zwang zum Islam gebracht werden. Dies sei auch gar nicht nötig, da der Islam so überlegen sei, dass jeder vernünftige Mensch ihn annehmen müsse. Wer die Vernunft nicht in diesem Sinne gebraucht, fällt unter den Zorn Gottes. Das ist zum einen ein optimistisches Menschenbild: Der Mensch kann Gottes Willen aufgrund der Offenbarung erkennen und deshalb die Sünde überwinden. Zum andern bleibt das Ziel des universalen Islam uneingeschränkt bestehen. Von der westlich verstandenen Toleranz bleibt in diesem Fall nichts übrig.
b) Der Islam als friedfertige Religion Su 5,32: „Wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre, so soll es sein, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einen Menschen das Leben erhält, so soll es so sein, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.“ Im Zusammenhang mit Terrorismus ist dieser Vers häufig aus muslimischem Munde zu hören. Aber auch hier gilt es, zumindest den direkten Kontext im Koran nicht völlig außer acht zu lassen! Zuerst einmal ist festzustellen, dass der Vers eigentlich beginnt: „Deshalb haben wir den Kindern Israel verordnet…“ Und in der Tat ist dies eine Überlieferung, die wir in der jüdischen Mischna finden. Dieses jüdische Gebot wurde nicht beachtet, findet Muhammad, und daher fährt der Koran im folgenden Vers fort: „Der Lohn derer, die gegen Allah und seine Gesandten Krieg führen und Verderben im Lande zu erregen trachten, soll sein, dass sie getötet oder gekreuzigt werden oder dass ihnen Hände und Füße wechselweise abgeschlagen werden oder dass sie aus dem Lande vertrieben werden. Das wird für sie eine Schmach in dieser Welt sein, und im Jenseits wird ihnen schwere Strafe zuteil.“ Ausdrücklich ausgenommen sind
davon nur jene, die „bereuen“, wie es heißt, die also Muslime werden. Vers 35: „Kämpft auf dem Weg Gottes (das Wort für Djihad), auf dass ihr Erfolg haben möget.“ Ohne den Kontext ist dieser Zusammenhang zerstört, zumindest verschleiert.
1.2.2 Koranische Aussagen, die zum „Heiligen Krieg“ auffordern
Das arabische Wort Djihad heißt nicht „Heiliger Krieg“ – diese Übersetzung nehmen uns die Muslime auch sehr übel - sondern „Anstrengung, Bemühung, Kampf“, im Koran insbesondere die umfassende Anstrengung „für die Sache Gottes“ oder „auf dem Wege Gottes“. Es ist zu unterscheiden zwischen dem „großen Djihad“ und dem „kleinen Djihad“. Das eine ist die Bemühung des Muslims, ein besserer Muslim zu werden, also sozusagen: die Bekämpfung der eigenen Schwächen und weltlichen Begierden. Hierher gehört auch die DaYwa, arab. „Ruf“, die friedliche Einladung zum Islam. Das geschieht zeichenhaft durch den Lebensstil (durch das Tragen des Kopftuchs, dadurch, dass muslimische Kinder nicht an Schullandheimen teilnehmen oder beim Schwimmen Mädchen nicht mit Jungen zusammen gelassen werden), oder verbal oder durch Schriften.
Von greifbarer politischer und juristischer Bedeutung aber war die Jahrhunderte hindurch der „große Djihad“, der militärische und unter gewissen Bedingungen auch nur diplomatische Kampf zur Stärkung und Verteidigung der Umma (islamische Weltgemeinschaft) gegen die Ungläubigen.
„Das Prinzip Djihad basiert auf der Menschlichkeit und stellt eine sinnvolle Alternative zu dem extrem eigennützigen Politisieren in Ost und West dar“: so eine Broschüre des Islamischen Zentrums Hamburg. Und weiter: „Die Religion des Islam will die Menschen immer zum Frieden führen. Wenn also der Koran das Prinzip Dji-had, d.h. diese Auseinandersetzung des Gläubigen mit dem Bösen bekräftigt, so nur deshalb, weil dadurch Frieden verwirklicht werden soll! Nur aus diesem Grund ist im Rahmen von Djihad auch der Kampf gegen jene Menschen zulässig, die den Frieden unter den Menschen stören, Unheil
stiften und Menschen ihrer Freiheit berauben.“ Wichtig ist hierbei: Freiheit bedeutet, wenn wir genau lesen, die Freiheit, sich zum Gott des Islam zu bekennen. Und Frieden heißt demgemäß: dass Islam, die wahre und vernünftige Unterwerfung unter den Willen Allahs, sich unangegriffen und unangefochten entfalten kann. Insofern trifft es sehr wohl zu, wenn Djihad als Schutz, als Friedenssicherung, als Beseitigung der Aggression dargestellt wird. Wir müssen hier allerdings sehr genau hinhören und z.T. auch zwischen den Zeilen lesen.
Der Koran spricht sehr deutlich vom Kampf, gerade auch vom bewaffneten Kampf gegen die Ungläubigen. Wir weisen nur auf drei von 95 rechtsverbindlichen Versen im Koran hin, auf denen das islamische Gesetz des Djihad aufbaut.
Su 9,5 „Sind aber die heiligen Monate verflossen, so erschlaget die Götzendiener, wo ihr sie findet…“
Su 9,29 „Kämpfet wider jene von denen, welchen die Schrift gegeben ward, die nicht glauben an Allah…“
Su 3,194f „Und diejenigen,…die kämpften und fielen – wahrlich, bedecken will ich ihre Missetaten…Allah – bei ihm ist der schönste Lohn.“
1.2.3 Die Aufhebungstheorie
Wir haben gesehen, dass sich hier enorme Spannungen innerhalb des Korans auftun: Aufforderungen zum friedlichen Zusammenleben neben den Aufrufen zur Gewalt. Die islamischen Ausleger haben hierfür eine Theorie entwickelt, die besagt, dass jüngere Offenbarungen ältere in bestimmten Fällen modifizieren oder sogar aufheben. Sie ist als „Abrogationstheorie“ bekannt. Im Klartext: Häufig werden spätere Texte, und das sind durchgehend die härteren Töne, für verbindlich angesehen, während die entsprechend milderen Aussa-en als überholt gelten. In Deutschland bekommen wir häufig kommentarlos die freundlichen, aber dogmatisch überholten Passagen zu hören. Diese schlichte Tatsache ist in Europa recht wenig bekannt und wird aus verständlichen Gründen auch nicht gerade eifrig bekannt gemacht.



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