Die Bibel - ein Märchenbuch
von T. Eißler„Märchenbuch“ – so nannte ein Kirchenmitglied die Bibel, als das Gespräch beim Hausbesuch des Pfarrers auf dieses Thema kam. Mit den frei erfundenen Bibelgeschichten braucht man sich gar nicht erst abzugeben, wollte der Mann wohl sagen.
Nicht jeder sieht die Bibel so kritisch. Aber so mancher sieht Anlass, ein großes Fragezeichen zu setzen. Geben diese Texte nicht zweifelhafte religiöse Ideen von religiösen Menschen wieder? Haben die Anhänger von Jesus nicht lange Zeit nach seinem Tod eine schöne Jesusgeschichte zusammengeschrieben?
Die Frage nach der Entstehung der Bibel und nach dem Selbstverständnis der biblischen Schriftsteller ist für jeden Christen von Bedeutung, der mit der Bibel umgeht. Deshalb haben wir dieses Thema im letzten Mitarbeiterkreis am 27. Mai aufgegriffen. Es ist so umfangreich und vielfältig, das ich hier nur auf einen Text hinweisen kann, den jeder Bibelleser gut kennen sollte. Es handelt sich um den Anfang des Lukasevangeiums Lk 1,1-4.
1 Viele haben es unternommen, Bericht zu geben von den Geschichten, die unter uns geschehen sind,
2 wie uns das überliefert haben, die es von Anfang selbst gesehen haben und Diener des Worts gewesen sind.
3 So habe auch ich’s für gut gehalten, nachdem ich alles von Anfang an sorgfältig erkundet habe, es für dich, hoch geehrter Theophilus, in guter Ordnung aufzuschreiben,
4 damit du den sicheren Grund der Lehre erfährst, in der du unterrichtet bist.
Der Arzt Lukas, der den Apostel Paulus auf seinen Reisen begleitete, hat die Ereignisse um Jesus nicht selbst miterlebt. Aber jetzt will er einen „Bericht“ über diese Ereignisse verfassen, so erklärt er. Es geht Lukas um das wirklich Geschehene. Doch wie will er über die Taten und Worte Jesu berichten,
wenn er selbst nicht dabei war?
Lukas hat Kontakt aufgenommen zu Personen, die Jesus begleitet haben. Es handelt sich um Augenzeugen, und zwar um ganz bestimmte. Als „Diener des Wortes“ bezeichnet Lukas Jünger, die bei Jesus regelrecht in die Schule gegangen sind. Und zwar seit dem ersten Auftritt von Jesus, als er sich von Johan-nes, dem Täufer, im Jordan taufen ließ. In Form von einprägsamen Gleichnissen und prägnanten Lehrsätzen übergab ihnen Jesus die gute Nachricht. So dass sie in der Lage waren, selbständig aufzubrechen und die neue Botschaft in die umliegenden Dörfer zu tragen. Bei diesem Verkünden und Lehren aus dem Gedächtnis kam ihnen die jüdische Schulbildung zugute, die auf das Auswendiglernen großen Wert legte.
Diese Jünger, die die Lehre Jesu verinnerlicht und auch sein Handeln verstehen gelernt hatten, hat Lukas aufgesucht und genau befragt. Nach ihren Angaben hat er seine Evangelienschrift verfasst, ebenso die dazugehörige Apostelgeschichte. Ebenso wie der bekannte jüdische Geschichtsschreiber Josephus unterstreicht Lukas die Genauigkeit seiner Nachforschungen (wörtlich: „ich bin allem von Anfang an akribisch/ genau nachgegangen“).
Einem Freund „Theophilus“ widmet Lukas seinen Bericht über Jesus. Dieser uns unbekannte Theophilus hat bereits christlichen Unterricht genossen. Das schriftliche Evangelium soll ihm zeigen, dass ihm der mündliche Unterricht tatsächlich das vermittelt hat, was Jesus verkündete und tat. Die zuverlässige Auskunft über den Weg Jesu soll seinen Glauben gewiss und fest werden lassen.
Wenn wir die Angaben und die Haltung des Lukas ernst nehmen, ist zumindest das Lukasevangelium alles andere als ein Märchenbuch. Vielmehr: ein sehr gewissenhaft recherchiertes Buch über den, der sich selbst als angekündigten Christus bezeugte.
Übrigens ist das Doppelwerk Lukasevangelium und Apostelgeschichte recht früh entstanden, nur ca. 30 Jahre nach der Himmelfahrt Jesu: im Jahr 62 n.Chr. Das lässt sich am „offenen“ Schluss der Apostelgeschichte ablesen.
