Weichenstellung

 
450 Jahre Reformation in Mundelsheim
 
(Artikel von Dekan Luscher, Informationen von Angelika Fink)

Titelblatt der badischen Kirchenordnung von 1556

Titelblatt der badischen Kirchenordnung von 1556



In Mundelsheim ist niemand mit weithin hörbaren Hammerschlägen an die Kirchentür getreten wie einst Luther in Wittenberg. Aber auch Mundelsheim nahm Luthers neue Botschaft an - freilich mit Verspätung. Während sich in der württembergischen Nachbarschaft schon seit 1534 die Reformation durchgesetzt hatte, zog Baden mit den vier zugehörigen Ämtern Besigheim, Mundelsheim, Altensteig und Liebenzell, die heute zur württembergischen Landeskirche gehören, erst viel später nach. Leider wissen wir über die Vorgänge nur wenige Einzelheiten, da das badische Landesarchiv in Durlach 1689 dem französischen Beschuss zum Opfer fiel.

Zwei Ereignisse waren ausschlaggebend. Markgraf Ernst von Baden, der sich der Reformation gegenüber unentschieden verhalten hatte, war gestorben und sein Sohn Karl hatte die Regierung angetreten. Außerdem war im Jahr 1555 der Augsburger Religionsfriede mit dem Prinzip "Wes das Land, des der Glaube" in Kraft getreten. Markgraf Karl II. war mit einer evangelischen Frau, Kunigunde von Brandenburg-Kulmbach verheiratet. Er war entschlossen, in seinem kleinen verstreuten Land die Reformation einzuführen.

Am 1. Juni 1556 erließ er in Pforzheim die neue Kirchenordnung, bei der die württembergische von 1553 Pate gestanden war. Sie wurde in Tübingen gedruckt und galt ab sofort in allen Landesteilen. Es wurden unter der Leitung von Jakob Andreä aus Göppingen und Jakob Heerbrand aus Herrenberg Visitationen durchgeführt.

Es ist zu vermuten, dass nach der Einführung der neuen Lehre im Rahmen der Visitationen auch die Kirchengebäude überprüft wurden. Als sichtbarer Ausdruck des neuen Glaubens wurden damals die Fresken in der Kilianskirche übertüncht.

Diese Fresken waren in den Jahren zwischen 1460 und 1470 entstanden, zum Zeitpunkt der Reformation also erst 100 Jahre alt. Die Ausmalung der Kirche hatte damals viel Geld gekostet. Als Stifterin gilt Anna von Venningen, die Ehefrau des damaligen Ortsherrn Bernold von Ur-bach. Ihr Grabstein befindet sich neben der Kanzel in der Kirche.
Die Fresken im Chor erzählen die Geschichte des Heiligen Kilian und seiner Gefährten, die nach der Bekehrung der Franken zum Christentum den Märtyrertod fanden. Auf einer der Seitenwände wird die Legende von Anna und Joachim und ihrer Tochter Maria erzählt. Auch hier werden verschiedene wundersame Ereignisse beschrieben, die in der Bibel nicht erwähnt werden.
An der Stirnwand finden sich darüber hinaus weitere Motive aus vorreformatorischer Zeit. Eine Schutzmantelmadonna breitet ihren Mantel über die Gläubigen aus und beim Tod Marias versammeln sich alle Jünger Jesu an ihrem Totenbett.
Diese Motive passten nicht zur Lehre Luthers, die sich allein auf die Heilige Schrift beruft und alle später entstandenen Legenden und Heiligengeschichten ablehnt.

Die Reformation in Mundelsheim war also zweifellos eine Reformation von oben - veranlasst durch Regierungserlass. Wir neigen heute dazu, dies für fragwürdig zu halten. Doch damit war die Aufgabe erst begonnen, die Menschen und die Gesellschaft für die Botschaft des Evangeliums zu gewinnen. Genau dazu kam es im Laufe der Zeit. Mundelsheim wurde ein Teil des evangelischen Württemberg, in dem bis heute ein vielfältiges, kirchliches Leben aus der Quelle des von den Reformatoren neu entdeckten Evangeliums entspringt.





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