Wertschätzung als Familienfrau
von Anne Hettinger, Schorndorf
Welche Arbeit ist wie viel wert? Zwei begabte junge Frauen: Die eine studiert Medizin und arbeitet als Ärztin in einem Krankenhaus. Die andere studiert Jura, wird Mutter von zwei Kindern und entscheidet sich, zuhause zu bleiben. Sie wäscht die Wäsche, putzt das Haus und kocht das Essen. Sie möchte, dass ihre Kinder einen starken emotionalen Rückhalt haben; dass jemand da ist, wenn sie von der Schule kommen. Welche Arbeit wird mehr geschätzt in unserer Gesellschaft?
Sich zufrieden geben mit der Arbeit als Familienfrau – eine Herausforderung! Da höre ich, wie sich zwei Männer unterhalten: „Wie geht’s denn der Sandra? Die macht einen auf Familie. Dass die sich mit dem Hausfrauen-Sein zufrieden gibt, nachdem sie solch einen verantwortungsvollen Job bei einem großen Verlag hatte!“
Sich mit dem Hausfrauen-Sein zufrieden geben, das ist in der Tat eine äußerst schwierige Aufgabe für uns Frauen, eine tägliche Herausforderung. Im Beruf ist die Arbeit klar definiert und wird selbstverständlich auch als Arbeit angesehen. Im Familienalltag ist das nicht immer so eindeutig.
Wie oft frage ich mich als Familienfrau am Abend: Was habe ich den ganzen Tag gemacht? Ich war immer in Aktion. Abends ist von meiner Arbeit jedoch kaum etwas zu sehen. Und doch, ich muss mir selbst immer wieder klar machen:
Es ist Arbeit, für die Kinder da zu sein, ein offenes Ohr für alle zu haben,
am Telefon zu organisieren, welches Kind mit wem wann wo hingebracht und abgeholt werden muss, Arzttermine im Blick zu behalten, das Gespräch mit den Erziehern und Lehrern zu führen, Kindergeburtstage vorbereiten u.v.a.m. Auch die täglich anfallenden Kleinigkeiten wie Müll entsorgen, waschen, putzen, einkaufen, kochen – niemand nimmt sie recht wahr und doch werden sie von uns stillschweigend erledigt.
Wer sieht, was wir Familienfrauen den ganzen Tag machen? Eigentlich fällt nur auf, wenn etwas nicht gemacht wurde. Solange alles fein säuberlich getan wird, sieht niemand, was da eine den lieben langen Tag alles leistet.
Auch in anderen Berufen fällt nicht immer auf, was geschafft wurde. Das ist uns allen klar. Der Unterschied ist nur, dass es da spätestens am Ende des Monats eine finanzielle Anerkennung gibt. Was aber steht am Ende einer Hausfrauen-Arbeit? Wenn es gut geht und Gott es schenkt: wohlerzogene, fröhliche Kinder, deren Leben gelingen darf. Doch niemand hat dafür eine Garantie, obwohl wir sicher alle unser Bestes versuchen und unser Bestes geben.
Ich finde es so tröstlich, dass ich wissen und darauf vertrauen darf, dass alles in Gottes Hand steht und zu ihm hin geschaffen ist. „Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.“ (Rö 11,36) Das heißt doch: Alles ist bei Gott gut aufgehoben. Und wenn keine und keiner meine Arbeit sieht, so weiß doch Gott um jeden Handgriff. Er sieht jede Unterhose, die ich zusammenlege, und jedes Paar Schuhe, das ist putze, auch wenn sie kurz danach schon wieder schmutzig geworden sind. Den Psalm 139 ergänze ich: Herr, du erforschst mich und kennst mich, ich putze oder koche, ich füttre oder wickle, so weißt du es. Siehe, es ist kein Handgriff, den du, Herr, nicht schon bemerkt hättest. Gott sei Dank – einer ist da, der alles sieht und um alles weiß!
Manchmal denke ich, dass Mutter-Sein viel mit Demut zu tun hat, Demut im Sinne von Mut zum Dienen. Das fällt uns Frauen oft nicht leicht. Entspricht es doch so gar nicht unserm Zeitgeist, der Selbstverwirklichung groß schreibt. Maria, die Mutter Jesu, kann uns darin ein Vorbild sein: „Siehe, ich bin des Herrn Magd.“ (Lk 1,38)
Das heißt doch: Ich bin bereit zum Dienen. Maria hatte nicht die Schwierigkeit, sich gegen einen gut bezahlten Job entscheiden zu müssen oder auf eine tolle Karriere verzichten zu müssen. Diese Möglichkeiten hatten die Frauen damals einfach nicht. Dennoch wurden bestimmt auch bei Maria durch dieses vom Engel angekündigte Kind eigene Vorstellungen vom Leben und selbstgemachte Pläne durchkreuzt. Indem sie Jesus zur Welt brachte, durfte sie aber in besonderer Weise zum Segen für andere beitragen und wurde selbst gesegnet.
Wir sind nicht Maria. Und doch werden auch wir von Gott an seinem Schöpfungshandeln beteiligt, dürfen Leben in uns wachsen lassen und zur Welt bringen – welch ein Geschenk Gottes für uns, welch ein spürbarer Segen!
Zunächst bedeu-tet der Schritt in die Familientätigkeit eine finanzielle, räumliche und beziehungsmäßige Einschränkung. Das ist ein großes Loslassen. Erst mit der Zeit lässt sich erkennen, wie viel Neues durch die Kinder ins Leben hineinkommt. Durch sie ergeben sich neue Kontakte, z.B. auf dem Spielplatz, in Krabbelgruppen oder später im Kindergarten und in der Schule. Außerdem brin-en Kinder viel Reichtum und Dynamik mit. Ich wäre nie so flexibel und spontan, wenn meine Kinder es nicht von mir fordern würden. Mein Leben wäre ohne meine Kinder viel ärmer.
Meinen Wert mache ich nicht länger von andern oder von der Gesellschaft abhängig. Ich versuche mir selbst klar zu machen, dass ich als Familienfrau einen wichtigen Beitrag für die Zukunft und für unsere Gesellschaft bringe.
In dem Wissen, dass Gott mich und meine Arbeit sieht, dass er mich liebt und wert schätzt, unabhängig von sonstiger Anerkennung, möchte ich fröhlich meinen Verpflichtungen nachkommen, weiter für meine Familie da sein und mich an dem freuen, was ich jeden Tag auch durch meine Kinder geschenkt bekomme. Gott sei Dank dafür.
Aus: Rundbrief Nr. 42 der evangelischen Sammlung in Württemberg; mit freundlicher Genehmigung in gekürzter Fassung nachgedruckt.
