Dr. Friedmann Eißler, Studienassistent an der Uni Tübingen, predigte bereits in Mundelsheim. Hier folgt die dritte Folge seines Vortrages über den islamischen Begriff des "Heiligen Krieges".

"Bete und kämpfe?!"

Konsequenzen für unseren Umgang mit Muslimen
Wir können hier nicht umfassend über das Verhältnis des christlichen Glaubens zum Islam reden. Wenn meine Ausführungen aufgezeigt haben, dass islamisches Denken von den Ursprüngen her politische Existenz, territoriale Herrschaft und die religiöse Dimension der völligen Unterwerfung unter Allah umfasst, so heben wir damit eins hervor: wir können die in der Biographie Muhammads begründete Entwicklung des Islam nicht ernst genug nehmen. Damit schüren wir weder Vorurteile noch Feindseligkeiten. Wir fragen nach den Quellen und den ursprünglichen Weichenstellungen im Islam.
Ist aber der "Friedensauftrag im Islam" (Na-deem Elyas) damit in Frage gestellt? Dies zu beantworten und diesen Auftrag im Gesamtkontext des Islam inhaltlich zu füllen ist Auftrag der Muslime! Unser Auftrag ist es hingegen, nicht eine Einheit zu postulieren, wo keine ist, und keine oberflächlichen Vergleiche zu akzeptieren, wo keine Vergleichbarkeit gegeben ist, sondern vielmehr in Respekt vor der Andersartigkeit und Fremdheit der islamischen Weltanschauung in Liebe auf die muslimischen Menschen in unserer Umgebung zuzugehen. Hierzu noch folgende Bemerkungen:

2.1 Zu unseren Voraussetzungen
Auch im Namen des christlichen. Glaubens wurden Verbrechen begangen (Kreuzzüge, Inquisition, z.T. "Mission"). Der entscheidende Unterschied zum Islam: Dies gilt heute in der christlichen Welt als Verbrechen und wird von den eigenen Leuten als solches verfolgt. Der Westen würde gegen Terroristen des eigenen Glaubens genau so hart vorgehen wie dies jetzt gegen muslimische Terroristen der Fall ist.

"Während die Verflechtung von Glaube und Macht in der christlichen Kirchengeschichte aus heutiger Sicht eine Fehlentwicklung war, ist sie im Islam Grundlage des Systems und in der Haupturkunde des Islam, dem Koran, verankert." (Troeger)
Im christlichen Glauben gilt das Vorbild von Jesus, auch wenn wir Christen hinter ihm allzu oft  zurück bleiben: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen. Die andere Backe ... Wer als Christ zur Waffe greift und sich dabei auf die Wurzeln seines Glaubens, auf das Evangelium von Jesus Christus und die ganze Heilige Schrift, beruft, tut dies zu Unrecht! Ein Christ, der Gewalt anwendet, um sich gegen missliebige Gegner oder wirkliche Feinde zu erheben, kann sich nicht auf diese Wurzeln berufen, sondern hat sich von ihnen radikal abgeschnitten!
Wer hingegen als Muslim (Sunnit oder Schiit, radikal oder moderat) zur Waffe greift und sich dabei auf die Wurzeln seines Glaubens, auf den Koran und die Überlieferungen der Taten des Propheten, die Sunna, beruft, tut dies zu Recht, ja hier besteht eine deutliche Legitimation von Gewaltanwendung gegen Gegner des islamischen Glaubens und der islamischen Gemeinschaft. Ein Muslim, der in den ihm erlaubten Fällen Gewalt anwendet, hat die volle Legitimation seiner geistigen und geistlichen Tradition hinter sich.

Es sind wie zwei gegenläufige Linien: Die biblische Linie weist von den alttestamentlichen Bannforderungen und durchaus blutigen Auseinandersetzungen durch die Jahrhunderte auf die Friedensaussagen Jesu hin, bis hin zu dem zentralen Geschehen, dass der Sohn Gottes durch seine eige-ne Hingabe zum Frieden für uns wird – „Er ist unser Friede“. Von dieser Voraussetzung her, mit dieser Gewissheit, diesem Vertrauen, gehen wir in die Herausforderungen unserer Zeit.

Die islamische Linie läuft andersherum: Von friedfertigen und milden Aussagen und der Betonung der Einheit geht es ab der Wende in Medina auf immer härtere, gewaltbereitere Aussagen zu, die in der göttlichen Legitimierung von Gewalt kulminieren.

2.2 Unsere Aufgabe
Kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe – und er ist wohl kaum des Fundamentalismus verdächtig! – hat gesagt: "Dulden (tolerieren) heißt beleidigen." Was ist gemeint? 
 
Die Haltung: "Man muss vor allem tolerant sein und den anderen stehen lassen" duldet zwar den Anderen, übersieht aber, dass gerade in der vermeintlichen Achtung die Beleidigung des eigenen wie des fremden Intellekts zum Ausdruck kommt, denn die Position wird so in ihrer Ernsthaftigkeit und ihrer eigenen Würde gar nicht ernst genommen!
Es ist selbstverständlich und zugleich unabdingbar, dass im interreligiösen Dialog mehrere Wahrheitsansprüche aufeinander prallen. Sie sind nicht einfach zu harmonisieren auf eine gemeinsame Einheit hinter den realen Religionen.

Nun ist es reizvoll und auf den ersten Blick plausibel, die Harmonie zu suchen und in einer Einheit der Religionen in einem Ur-Grund zu vermuten. Aber gegenüber dieser Einheitsschau ist entschieden daran zu erinnern, dass sie einen Standpunkt voraussetzt, der außerhalb der Religionen und Weltanschauungen liegen müsste! Wir können nicht absehen von dem Glauben, der uns ergriffen hat. Wir können uns nicht herauskatapultieren und gewissermaßen selber über die Schulter schauen. Wir können eben nicht behaupten: Muslime und Christen beten denselben Gott an. Solch eine Einheit zu postulieren wäre eben: jenen Standpunkt außerhalb einzunehmen.

Das Problem aller Verständigung über "Toleranz" besteht darin, dass der Begriff undifferenziert gebraucht und pauschal positiv verstanden wird. Das neuzeitliche Toleranz-Postulat hat jedoch darin seine Bedeutung, dass es dazu auffordert, zwischen einer Theorie, einer Meinung und deren Vertreter zu unterscheiden. Ein anders denkender Wissenschaftler wird heute eben nicht mehr per Inquisition beseitigt, vielmehr gibt es konkurrierende Theorien, Wettstreit in der Sache.

Entscheidend ist mithin die Unterscheidung zwischen Person- und Sach-Toleranz. Wenn wir hier die Dinge vermischen, kommen wir unweigerlich über das berechtigte Anliegen, dem anderen als Person mit Liebe und Respekt begegnen zu wollen, dahin, ihn eben sachlich-inhaltlich zu beschneiden oder zu "vereinnahmen" und ihm gerade dadurch den nötigen Respekt vorzuenthalten.

2.3 Unser Ausblick
"Gott ist die Liebe" (1 Joh 4,16): dieses Bekenntnis, das zutiefst mit der Selbsthingabe Jesu am Kreuz zusammen hängt  – im Islam geradezu eine blasphemische Aussage! – steht im Zentrum unseres Glaubens. Gottes Liebe und Zuwendung ist die Wesensmitte unseres Vertrauens zu Gott. Wenn dem so ist, dass hier unser Fundament ist – wenn wir hier, in diesem Sinne "Fundamentalisten" sind, so wollen und dürfen wir beides denen nicht vorenthalten, die solches nicht kennen.

"Bete und kämpfe"?? (Ibn Taimiya) – nein: Bete und liebe! Wohl ist es ein Kampf, der ansteht und in dem wir schon stehen – ein geistlicher Kampf, denn mit dem Islam haben wir es mit einer geistigen Macht zu tun, die dem Evangelium bis aufs Blut widersteht und so unzählige Menschen gefangen nimmt.
Doch in der Liebe ist das Wesen unseres Glaubens und unseres Tuns beschlossen. Verbunden zu sein mit dem Herrn, der sich in Liebe ganz hingegeben hat – und das ist der wahre "Islam"! – der die "Drecklinie" gegangen ist, wie Paul Deitenbeck einmal sagte, das ist die Mitte. Ihm ist unser Dreck nicht egal, er hat sich hineingekniet, um uns herauszulieben. Darin wollen wir ihm nachfolgen, auch in der tätigen Liebe, der Zuwendung zu unserem Nächsten – auch dem muslimischen!
 



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